Zur Debatte: Umbenennung von Straßennamen in Siegen

Straßennamen sind Stadtgeschichte. Sie sind Ortsbezeichnung, Erinnerung und Ehrung. Im Kaiserreich ehrten deutsche Kommunen zu hunderten den 1888 verstorbenen Kurzzeitkaiser mit Friedrichstraßen, früher wie später schossen auch die Wilhelmstraßen aus dem Boden, fast im selben Tempo wie die Kaiserlinden und Kronprinzeneichen. Die deutsche Romantik schrieb sich mit gefühlten tausenden von Goethe- und Schillerstraßen, die gewesenen Befreiungskriege mit Arndt-, und Körnerstraßen in die Straßenverzeichnisse ein. Straßennamen sind ganz gezielt Ehrungen von Menschen, die sich um die Stadt verdient gemacht haben. Niemand käme auf die Idee, einen Straßennamen zu vergeben, um die Bevölkerung zu mahnen. Niemand außer der Siegener CDU, die im Kulturausschuss genau diese Idee mit der Beibehaltung des Namens Lothar-Irle-Straße verknüpfte. 

Nicht nur in Siegen gab es 1933 organisierte Biographiebereinigungen. Die Fürst-Bülow-Straße wurde ganz fix in Schlageter-Straße umbenannt, dem Freiheitskämpfer, dessen Verbindung zu Siegen darin bestand, dass der Waggon mit seinem Leichnam, bestaunt von vaterländischen Verbänden, kurzen Aufenthalt an Siegen Hbf hatte. Noch während der entscheidungsberechtigten Ratsversammlung über die Umbenennung der Sandstraße montierten SA-Trupps die bisherigen Straßenschilder ab und schraubten Hitler-Täfelchen an.  Nicht wirklich erforscht ist, wo der Siegener Adolf-Hitler-Platz lag. 

Dass eine Straße in der SA-Siedlung in der Winchenbach zur „Straße der SA“ ernannt wurde, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Insgesamt erhielten 24 Straßen neue Paten, teils, weil die ursprünglichen Namensgeber politisch nicht mehr en vogue waren, wie Friedrich Ebert, dessen Straße dann auf den Namen des Generals Litzmann hörte. Nur wenige Jahre später benannte man auch die Stadt Lodz für einige großdeutsche Jahre in Litzmannstadt um. Die Lessingstraße – plötzlich hieß sie Gustloffstraße. Spannend wäre zu wissen, warum der Klafelder Bürgermeister 1938 auf die skurrile Idee kam, die Straße oberhalb der Heckenbergstraße nach dem österreichischen Nationalsozialisten und Dollfuß-Mörder Otto Planetta zu benennen, denn der hatte mit Klafeld-Geisweid nun überhaupt nichts zu tun. 

Und wieder eine Welle, just nach dem Krieg: Hitler und Schlageter und Konsorten verschwanden aus den Straßenverzeichnissen, kaum dass die Tinte unter der Kapitulationsurkunde trocken war, und ihre politische Existenz erschien dem Zeitgeist dann doch eher wie ein Betriebsunfall. Stattdessen kamen zumeist die alten Namen zurück. Manchmal aber auch neue, wie 1975, als Siegen, Eiserfeld und Hüttental zusammengeschlossen wurden. Die Straßennamen zogen übers Land, die Siegener Wilhelmstraße zog nach Eiserfeld weiter, in Siegen hieß sie nunmehr Spandauer Straße. Die Tiergartenstraße in Weidenau hieß plötzlich taktisch geschickt Zum Wildgehege, während die Siegener Tiergartenstraße ihren Namen behielt. Es gab neue Straßen, doppelte Straßennamen und zugleich eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die, gerade verstorben, dennoch danach lechzten, unsterblich zu werden.  Lothar Irle war einer von ihnen. 

Irle war einer der Lehrer, die an der Hilchenbacher Präparandenanstalt ausgebildet und zugleich vom an der Anstalt herrschenden völkisch-nationalen Mainstream eingefangen wurden. Nicht umsonst stand die Anstalt im Verdacht, dass ihre Zöglinge sich für die Organisation Consul, für Freikorps-Aktivitäten, Putschisten und andere rechte Umtriebe interessierten. Der junge Pädagoge war offensichtlich mit dabei. Von dort zum Gaudozentenführer in der NS-Zeit war es nicht weit, von der dünnen Doktorarbeit über die Vornamensgebung im Siegerland zur Karriere im NS-Staat ebenso kurz. Irles Biographie ist gut dokumentiert, besser als die der meisten Nazi-Häuptel im Kreis. Das hatte damit zu tun, dass sein Arbeitsnachweis auf Papier und nicht auf abgebrochenen Stuhlbeinen stand. Nationalsozialist war er bis zu seinem Lebensende. 

1975 kam Kaan-Marienborn nach Siegen, und die Straße, an deren vorhergehenden Paten sich kaum noch jemand erinnert, hieß plötzlich Lothar-Irle-Straße. Irle hatte sich in seiner fleißigen Art an die Spitze der Heimatschriftsteller geschrieben. Geschlechterforschung, Namensforschung, Biographieforschung. Wer mit wem wann und warum zusammenkam, dynastisch oder gesellschaftlich – Irle war im Bilde. Zugleich war er SGV-Bezirksvorsitzender, eine Tatsache, die der SGV in seiner späteren Geschichtsschreibung durchaus kritisch bewertete. Kein Wunder, dass Irle mit einer solchen Lobby im Rücken 1975 auch „seine“ Straße bekam, und keine Frage, dass er allein mit seiner Nachkriegstätigkeit eine solche Ehrung hätte bekommen können. Doch es gab eben auch eine Vorkriegsgeschichte. Und hier sagte der Arbeitskreis sehr deutlich: Verdienste in der Nachkriegszeit sind mit Verfehlungen in der NS-Zeit nicht aufrechenbar. 

Jakob Henrich, der „Bergfrieder“, der im „Volk“ allwöchentlich antisemitische Artikel schrieb, war in der Nachkriegszeit Gründungsmitglied der CDU und deren Eiserner Ortsvereinsvorsitzender, Ehrenbürger sowieso. Nazi im eigentlichen Sinne war er nicht, nicht einmal Mitglied – aber angesichts dieser Vielzahl von unappetitlichen Texten ehrungswürdig? Der Arbeitskreis hat gesagt: Heute Nein. Nach dem Krieg war er auch nicht ehrungswürdig. Für SPD-Sprecher Ingmar Schiltz ist er trotz dutzender inzwischen online verfügbarer antisemitischer Textproben ULB Münster / Das Volk (zeitpunkt.nrw) nicht ausreichend erforscht. 

Man kann die Aussagen, die der Arbeitskreis erarbeitet hat, kurz zusammenfassen: 

  • Ehre nur, wem Ehre gebührt. Wer sich im NS-Staat über Gebühr schuldig gemacht hat, den will die Stadt (nicht mehr) ehren. 
  • Es ist nicht möglich, erhebliche Verfehlungen im Dritten Reich durch Verdienste in der Nachkriegszeit zu kompensieren. 
  • Mit dem Abhängen eines Straßenschildes darf die Person nicht aus der Geschichte getilgt werden. Der Arbeitskreis ist im Gegenteil der Meinung, dass über historische Persönlichkeiten diskutiert werden muss. Ein Lothar Irle ist ein wesentlicher Bestandteil der Stadtgeschichte. Die Ehrung eines bis zum Tode bekennenden Nationalsozialisten und Antisemiten kann jedoch nicht im Sinne der Stadt sein. 
  • Die Stadt sollte Leitlinien für die Benennung künftiger Straßen entwickeln. 
  • Es gibt zu wenig Frauen als Namensgeber für Straßen und öffentliche Plätze
  • Das Thema ist mit dem Abschlussbericht nicht „durch“. Erinnerungspolitik ist eine dauernde Aufgabe, deshalb sollte der AK entfristet werden. 
  • Erstes Ergebnis, ganz offensichtlich: Für belastbare Urteile über Persönlichkeiten gibt es nicht ausreichend lokalhistorische Forschungen. Während Lothar Irle auf lokaler Ebene oder Paul von Hindenburg und Adolf Stoecker auf nationaler Ebene mit reichlicher Quellenlage Einblick geben, zieren sich der Gosenbacher SA-Lehrer Otto Krasa und der Siegener Verwaltungsführer Alfred Fissmer – bei beiden tun sich biografisch schwarze Löcher auf. Beide sind (noch) nicht abschließend zu beurteilen. Aufgaben für Forscher. 

Was war nicht Aufgabe des Arbeitskreises? 

  • Geschichte zu verändern
  • Geschichte neu zu schreiben
  • Alte Weltbilder durch neue Weltbilder zu ersetzen.
  • Personen oder Unternehmen zu stigmatisieren 

Welche Funktion hat der Abschlussbericht?

Der Abschlussbericht ist eine Empfehlung für den Rat, Korsettstange für eine moderierte Diskussion um Straßennamen. Viel wichtiger ist eine andere Funktion: Er sollte eine öffentliche Diskussion auslösen, die das Bewusstsein für Erinnerungspolitik schärft und das latente Bedürfnis nach regionaler Geschichte befriedigt. Wenn diese Diskussion sachlich stattfindet und fachlich unterfüttert wird, dann können verschiedene Akteure ein Gesamtmeinungsbild erzeugen, das dem Rat bei seiner Entscheidung hilft. Dafür benötigt die Öffentlichkeit aber in der Tat mehr Zeit als nur einen Monat bis zur Ratssitzung im Juni. 

Politisch genehm wäre es einem Teil des Rates sicherlich, wenn schnell entschieden würde, denn Gegenwind gab es in der Vergangenheit reichlich. Allein schon die Berichterstattung der Siegener Zeitung über einen geleakten Berichtsentwurf provozierte manch einen Bürger und irritierte die um ihre Zustimmungswerte besorgten Fraktionen. 

Dabei war der Bericht der Siegener Zeitung auf eine eigene Art skurril, der daran herunterbaumelnde Kommentar atmete den Geist des schlechteren Teils der Adenauer-Zeit. 

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Das Ergebnis nach dem Johannesevangelium im Angesicht der Ehebrecherin, die die Schriftgelehrten und Pharisäer zum Ölberg gebracht hatten. Der erste Stein flog nicht, die Menge zerstreute sich. In Siegen und vielen anderen Städten) sammelt man sich. Nicht zum Steinerwerfen, nein. Aber zum entehren. Menschen die für ihre Verdienste mit einer nach ihnen benannten Straße gewürdigt wurden, sollen dieser Ehrung im Lichte des 21. Jahrhunderts nicht mehr würdig sein. 

Ja. Genau das ist richtig. Die Maßstäbe des 21. Jahrhunderts sind in unserem christlich-demokratischen Abendland mit denen des christlichen Abendlandes im 19. und 20. Jahrhunderts identisch. Das Problem ist, dass es Nazis gab, die das nicht verstanden haben.

Bei den nun in Rede stehenden Straßennamen ging es vielmehr um Lebensleistungen auf unterschiedlichen Feldern. Ferdinand Porsche war begnadeter Ingenieur und Tüftler, Jakob Henrich setzt im Siegerland literarische Denkmäler („Riimcher usm Seejerland“), Otto Krasa entdeckte in der Heimaterde unschätzbar wertvolle Zeugnisse aus der Eisenzeit. 

Der Arbeitskreis legt sich insofern fest: Verfehlungen sollen ausdrücklich nicht mit späteren Leistungen aufgerechnet werden. 

Autor der harmlosen „Riimcher“ war der 1824 geborene Jacob Heinrich Schmick, Henrich hat dagegen über Jahre hinweg Aufsätze geschrieben, in denen Sätze wie „dass für Ahasver, den ewigen Juden die Rauch-und Rauschgifte nur Mittel zum Zweck seien, die feinsten Nerven und den Willen der Wirtsvölker zu töten und die Betäubung ganz zu fesseln“ vorkommen. Im selben Kontext wandte er sich gegen die jüdisch vergiftete Arbeiterbewegung und gegen die Überfremdung deutschen Besitzes und deutschen Geistes und Blutes durch jüdischen, übermächtigen Einfluss“. Dieser Faktenfehler fiel der Kommentatorin nicht auf, störte aber nicht bei der argumentativen Verwertung. 

Otto Krasa wird vom Arbeitskreis in seiner Spatenforschertätigkeit ausdrücklich anerkannt, auch wenn heutige Archäologen gelegentlich darüber klagen, dass die damaligen Spatenforscher an den Fundstellen mehr kaputtgemacht als erforscht haben. Bemerkenswert wiederum ist die Verwendung des völkisch konnotierten Begriffs „Heimaterde“ durch die Kommentatorin.

Die anderen fünf in Ungnade gefallenen haben ebenfalls Verdienste. Aber sie haben eben auch ihre dunklen Seiten-der Arbeitskreis hat sich auf die braunen Flecken konzentriert. Sie lebten in der NS-Zeit, sie waren verstrickt. Kritikwürdig? Auf jeden Fall! Aber macht dieses Fehlverhalten alles andere zunichte? 

Nach diesem Argumentationsstrang wäre auch Paul Giesler ehrungswürdig – man könnte ja seine braunen Flecken ausblenden, weil er wirklich viel für die soziale Aufwertung seiner Volksgenossen getan hat – mit Freiwilligem Arbeitsdienst und SA-Sozialleistungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auf Stellen, auf denen vor 1933 Sozialdemokraten und Kommunisten saßen. Die Winchenbachstraße wäre dann eine Paul-Giesler-Straße – den motorisierten Individualverkehr mahnend, dass nie wieder ein Paul Giesler an die Macht kommen darf, es sei denn, er gäbe verarmten Volksgenossen aus seinen SA-Stürmen Brot und Arbeit und Obdach in der SA-Siedlung. Überspitzt? Ja. Aber so argumentierte die CDU im Kulturausschuss. 

Wir Nachgeborenen erheben uns moralisch und urteilen im Lichte heutiger Maßstäbe. Und werden dazu Schilder stürmen. 

… als wenn Antisemitismus und Ausgrenzung vor der Shoah ein lustiges Freizeitvergnügen konservativer Protestanten gewesen sei. Als wenn die Maßstäbe von heute nicht auch damals gegolten hätten. Antisemitismus und Judenhass waren auch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Man muss das eigentlich nicht mehr erwähnen, dass man es hier erwähnen muss, macht schon nachdenklich. Aber offensichtlich war man sich der Dürftigkeit der eigenen Argumente im Klaren, so dass auch religiös konnotierte Stilmittel herangezogen wurden. „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“… Rumms. Eine weitere Diskussion erübrigt sich, Paul Giesler ist wieder wer in der Siegener Geschichte. 

Als dann später die Berichterstattung in Kenntnis des tatsächlichen Abschlussberichts sachlicher wurde, wurden die Reaktionen nicht besser, aber reichlicher. Allein im SZ-Forum für Allgemeine Contenance, Einwandfreies Benehmen und Ordentlich Organisierte Krisenbewältigung (FACEBOOK) stauten sich rund um den Himmelfahrtsfeiertag 628 Kommentare auf, überwiegend entstanden aufgrund der kurzfristigen Entscheidung, auch ohne Sachkenntnis ein wenig zur allgemeinen Stimmungslage beizutragen. Besonders beliebte Memes waren in diesem Zusammenhang „Was das wieder gekostet hat“, 23 Mitglieder des Arbeitskreises a 3000€ „macht 69000 €, „wer denkt denn an die Anwohner, die die gesamten Kosten tragen müssen“ und vor allem: „Haben die denn nichts anderes zu tun“, nur knapp getoppt vom Klassiker „Es wird immer schlimmer“ – die unbelegten Behauptungen flossen mehr oder weniger steil in die Tastaturen. Natürlich regte man leise kichernd auch an, den Judenhasser Martin Luther zur Umbenennung freizugeben. 

Natürlich waren es keine 23 Mitglieder im Arbeitskreis, wie die schlecht informierte Siegener Zeitung online verlautbart hatte, sondern acht, und sie haben zu ihrem großen Bedauern keine 3000 € bekommen, sondern nur die übliche Sitzungsentschädigung. Gelesen hat auch keiner, dass der Arbeitskreis dem Rat ein Servicepaket vorschlägt, bei dem die Stadt Kosten für Änderung des Personalausweises u.ä. übernimmt (Kosten für die Stadt: insgesamt knapp 7000 €). Da schrieb ein Kommentator sehr zu Recht einem Dauerkommentator.: „Das hat nichts mit Links und rechts zu tun. Wer aber nach 12 Jahren des nationalsozialistischen Terrors mit Millionen Toten seine völkische Gesinnung nicht ablegt, taugt nicht als Namensgeber einer Straße“. Der wiederum schreibt wiederum irrig, aber wiederholt: „Wer da meint, durch das Abhängen von Schildern Politik zu vernichten oder vergessen zu machen, der hat den Sinn von Politik nicht verstanden“. Kritik wird dann so ausgekontert: „ah ja, Linksäugige unter sich“. Rumms. 

Auch das Aktive Museum und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit versuchten sich an einer Diskussion über die Diskussion um Straßennamen. Weil aber auch zum Zeitpunkt der Diskussion der Abschlussbericht noch nicht vorlag, geschah das, was passieren musste. „Ich habe ja keine Hintergründe…“, sagte die Mitdiskutandin und Historikerin Daniela Fleiß in der Martinikirche, aber sie fände es toll, wenn man die Universität angesprochen hätte. Überhaupt müsse man das Ganze doch fachlich begleiten lassen, am liebsten von Historikern. Was verkennt, dass der Berater des Arbeitskreises, Stadtarchivar Patrick Sturm sogar einen veritablen Doktortitel in der Geschichtswissenschaft erworben hat. 

Als wenn auch durch eine externe fachliche Begleitung etwas z.B. aus der Causa Irle herauszukitzeln gewesen wäre, das ihn noch mehr be- oder womöglich völlig entlastet hätte. Es wäre ja exkulpierend auch für die CDU gewesen, die im Kultur- und Hauptausschuss ja gar nicht umbenennen wollte. Und auch die Straßennamensdiskussion in anderen Städten blieb in der Martinikirche leidlich unbeleuchtet, obwohl das mehr als spannend geworden wäre. Der Bürgerentscheid zum Hindenburgplatz in Münster etwa, der 2012 kraft Volkswillen zum Schloßplatz wurde. Die Diskussion um die Kolonialstraßen in Berlin. Die Diskussion in vielen Städten um große Steuerzahler, die einen Teil ihres Vermögens durch Kriegswaffenproduktion und / oder die Ausbeutung von Zwangsarbeitern verdient haben. Auch dieses Thema fehlte zur Verblüffung mancher Zeitungsleser: Justament hatte die IHK ihren Bernhard-Weiss-Saal umbenannt, weil auch der SMS-Chef und Wehrwirtschaftsführer i.R. nicht mehr opportun erschien. Für die IHK war das ein erheblicher Einschnitt. Immerhin war Weiß selber einmal IHK-Präsident und einer der ganz Großen in der regionalen Wirtschaft. Was sagt die Familie Weiß zu diesem Thema? Was die Vollversammlung? Spannend wäre es gewesen, von der Diskussionsrunde eine Einschätzung zu diesem Thema zu bekommen. Allein: Man sagte nichts dazu.  Die SZ legte hier in ihrer Berichterstattung einen echten Kontrast zu anderen Berichten hin: Die Umbenennung des Saales kommentierte Lokalchef Tim Plachner so: „Sicher keine leichte Entscheidung, einem langjährigen Präsidenten eine derart prominente Würdigung zu entziehen. Aber es ist eine Entscheidung, die Respekt verdient. Sie kann richtungsweisend für die gesamte Region sein.“ 

Die IHK hat mit ihrer Entscheidung der regionalen Erinnerungskultur einen wesentlichen Punkt hinzugefügt, wenn auch ohne sich inhaltlich tiefgreifend zu dieser Entscheidung zu äußern. Die Stadt Siegen steht vor einem ähnlichen Richtungsproblem. Ob mit der Ratsentscheidung das Thema Erinnerungskultur gleich mit vom Tisch gefegt wird, könnte auch befürchtet werden. Der Arbeitskreis nämlich hatte in seinem Abschlussbericht empfohlen, seine Arbeit zu entfristen – damit wäre der Umgang mit der Stadtgeschichte auch im politischen Tagesbetrieb als ständige Aufgabe festgeschrieben. Wenn, ja wenn der Rat zustimmen würde. 

Zu Recht wird jetzt auch vielerorts die Frage gestellt, ob es denn mit der Behandlung von einigen wenigen Straßennamen getan sein sollte. Müsste nicht auch das im Zuge der Fissmer-Diskussion versprochene Uni-Seminar zur Siegener Verwaltungsgeschichte nachträglich stattfinden? Müsste nicht Alfred Fissmer, die zentrale Figur der Siegener Geschichte im 20. Jahrhundert dringend eingehender erforscht werden? Welche Rolle spielte Fissmer beim Einsatz von Zwangsarbeitern beim Bunkerbau? Welche Rolle spielte die heute noch in Siegen aktive Baufirma dabei?   

Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass die Arbeitsweise des Arbeitskreises Diskussionen (bewusst) provoziert hat. Am Beispiel des Siegener Ehrenbürgers Dr. Karl Barich wird das sehr deutlich. Barich wird bezüglich seiner vermeintlichen Verstrickung im Abschlussbericht so gewürdigt: 

Nach der Machtergreifung trat Barich nicht in die NSDAP ein, besaß aber seit 1933 eine Anwartschaft zum Eintritt in die Allgemeine SS, die er finanziell unterstützte. Weiterhin war er Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (1933), Nationalsozialistischen Fliegerkorps (1941), Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik (1941) und im nationalsozialistisch ausgerichteten Verein für das Deutschtum im Ausland (1937). 

Er spendete außerdem für die SS und andere Organisationen. Das führte wegen der zugegebenermaßen mechanischen Kategorisierung dazu, dass Barich in die Kategorie B eingestuft wurde. Tatsächlich ist Barich aber nicht nachzuweisen, dass er Zwangsarbeiter innerhalb der Geisweider Eisenwerke angefordert, beschäftigt, ausgebeutet hätte – anders als etwa Carl Dresler, der aufgrund der Zeugenaussagen am Zwangsarbeitersystem in seinen Betrieben direkt beteiligt war. Das Stigma der Kategorie B hätte Barich also nicht verdient. 

Diese Entscheidung muss letztendlich der Rat treffen und diesen Aspekt im Hinterkopf halten. 

Dr. Barich ist neben Carl Dresler, Jakob Henrich und Otto Krasa einer der Ehrenbürger in Kategorie A und B. Die Frage eines möglichen Entzuges der Ehrenbürgerschaften stellt sich insofern nicht, weil nach der Gemeindeordnung die Ehrenbürgerschaft mit dem Tode erlischt. Die grundsätzliche Frage bleibt jedoch bestehen – wie geht die Stadt mit gegenwärtigen und zukünftigen Ehrenbürger:innen um? Auch hier tut sich ein neues erinnerungspolitisches Feld auf. 

Der Rat wird also im besten Fall eine sachgerecht begründete Entscheidung treffen, der eine fachlich moderierte, breite öffentliche Diskussion vorausgegangen ist. Dagegen spricht, dass schon jetzt über die willkürliche Abstufung von A-Kandidaten in B diskutiert wird. Die SPD etwa will nur die Hindenburgstraße, die Stoeckerstraße und die Lothar-Irlestraße umbenennen. Die Sozialdemokraten hatten zwar eine klare wissenschaftliche, mit Quellen fundierte Untersuchung gefordert und bekommen. Aufgrund welcher Quellen sie selber vier Namensgeber belassen und nur drei Umbenennungen vornehmen will, ließ die Fraktion offen. Stattdessen arbeitete sich die SPD-Geschichtsexpertin Traute Fries in Referatsform an Adolf Wurmbach ab, den sie im Abschlussbericht als NS-belastet erkannt hatte. Zwar hatte der Arbeitskreis Wurmbach als nicht bzw. nur gering belastet in die Kategorie C eingestuft, sogar vorgeschlagen, ihn als zentrale Figur der Siegener gesondert zu ehren, was aber für den Zornesausbruch und eine spätere SZ-Berichterstattung keine Rolle spielte. Die CDU sprach sich dafür aus, überall nur Erklärtäfelchen zu verhängen und ansonsten weiterzumachen wie bisher. Im Kulturausschuss votierte sie dafür, die Herren der Kategorie A in die Kategorie B herabzustufen, also festzustellen, dass ein Hindenburg kein harter Militarist war, ein Lothar Irle kein Förderer des Nationalsozialismus, ein Jakob Henrich kein jahrzehntelanger Antisemit.

Im Hauptausschuss, zwei Wochen später, wurde der Diskussionsprozess dann mutmaßlich beerdigt.  CDU und GfS sprachen sich zwar für Bürgerbeteiligung aus, erklärten aber, überhaupt keine Straße umbenennen zu wollen. 

Dieser überraschende Spagat zwischen dem Bekenntnis zur Bürgerbeteiligung und der Festlegung, Bürgerbeteiligung pro Umbenennung schon a priori zu ignorieren, kam nicht überraschend. SPD-Sprecher Schiltz beantragte die Umbenennung der Hindenburgstraße, der Stoeckerstraße und der Lothar-Irle-Straße. Es könne nicht sein, dass Nationalsozialisten und Antisemiten mit Straßenschildern geehrt werden. Den „Bergfrieder“ klammerte er aus, obwohl genau der von der Quellenlage der aktivste und aggressivste publizierende Antisemit der Region war. Dem 1917 verstorbenen Adolf Wagner schob CDU-Sprecher Klein das Bundesverdienstkreuz zu. Adolf Henrich (der in Fachkreisen Jakob hieß), mochten CDU und SPD ebenfalls nicht die Ehrung verweigern. Insofern seien die Personen aus der Kategorie A in die Kategorie B zu verschieben. Eine historisch fundierte Begründung, warum Lothar Irle kein hoch belasteter Nationalsozialist, Hindenburg kein Kriegstreiber und Militarist und Jakob Henrich kein Antisemit sei, lieferte die CDU nicht. Tags drauf gab es dafür eine Facebook-Stellungnahme der Fraktion, einzelne Personen seien nicht wissenschaftlich genug erforscht.  

Das weitere Vorgehen solle im (nichtöffentlich tagenden) Ältestenrat stattfinden, eine Entscheidung in der September-Ratssitzung fallen. 

Ob die Stadt letztlich aus der Arbeit des Abschlussberichtes Konsequenzen zieht, ist jetzt mehr als offen. Man war von der Facebook-Öffentlichkeit beeindruckt, vor den Leserbriefen sowieso … und duckte sich weg. Ebenso fehlt der Moderator der Diskussion – eine Aufgabe, die kraft Amtes dem Bürgermeister zukommt. 

Das Schlimmste: Man hat den Abschlussbericht nicht wirklich gelesen – denn da stand noch viel mehr drin. Zum Beispiel, dass es nicht in erster Linie um Straßenumbenennungen ging – diese Konsequenz für sieben Straßen hätte sich auch ohne Empfehlung vergleichsweise automatisch ergeben. Um einen Insider zu zitieren: Die belasteten Straßennamen und die Gründe, warum sie belastet sind, hätte man mit ein bisschen historischer Bildung besoffen in den Schnee pinkeln können. Es ging vielmehr um den Einstieg in eine neue Siegener Erinnerungspolitik, in eine Zeit ohne Zeitzeugen. Den Einstieg in ein digitales Stadtgedächtnis, in dem Biographien gesammelt und bearbeitet werden. Den Einstieg in eine Stadtkultur, die anhand von Straßennamen Kriterien entwickelt, wie Engagement für die Allgemeinheit gewürdigt werden kann. Das alles wäre es noch weit mehr wert als über das kognitiv am einfachsten zu Erfassende zu diskutieren, die Straßennamen nämlich.   

Allein – es setzt Bürgerinnen und Bürger voraus, die geschichtlich interessiert und sensibel sind. Und die schweigen derzeit, ebenso wie die aus Angst vor dem vermeintlichen Wähler eingeschüchterte Ratsmehrheit… . 

Raimund Hellwig

3 Kommentare zu „Zur Debatte: Umbenennung von Straßennamen in Siegen

  1. Danke an Herrn Hellwig für die breite Darstellung der Überlegungen des Ausschusses. Ich verfolge seit Wochen zunehmend entgeistert die „Debatte“ insbesondere in der SZ. Offenbar eignet sich das Thema, um ganz allgemein Unmut über „die da oben“ -seien es nun Politiker, Akademiker, engagierte Bürger- abzulassen. Argumente wie das, dass in jeder Epoche Straßenumbenennungen üblich und sogar häufiger waren als derzeit, verfangen da leider nicht. Ich fürchte auch mein Ansatz, nämlich dass wir in Siegen Platz schaffen könnten und sollten für Neues, z. B. für berühmte Siegener Frauen, oder Menschen die sich für Menschenrechte eingesetzt haben, wird im allgemeinen Shitstorm untergehen. Aber einen Versuch war’s wert.

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  2. Klasse. Dennoch: Ich würde mir wünschen, dass gerade in solch ausgezeichneten Texten Bericht und Argumentation deutlich getrennt sind.

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  3. Bisher ist dieser teilweise polemische Rundumschlag unkommentiert geblieben. Vielleicht hat dies mit der quasi vorab veröffentlichten, sachlichen Kritik an der Arbeit des Arbeitskreises und am Abschlussbericht durch Bernd Plaum – https://geschichtswerkstatt-siegen.de/2022/02/11/umbenennung-von-strassennamen/#comment-101 – zu tun, der ich mich nur anschließen kann. Dies scheint ein wiederkehrendes Problem des Arbeitskreises zu sein – oder, wie das Aktive Museum Südwestfalen und die Gesellschaft für christlich-jüdisch Zusammenarbeit richtigerweise bemerkten eine Folge der Herangehensweise der Stadt(politik) an dieses Thema. Ohne eine frühzeitige und umfassende Beteiligung der Stadtgesellschaft und der historischen Forschung ist eine solche erinnerungskulturelle Debatte nicht zufriedenstellend zu führen. Die (sozialen) Medien haben, so ist mein Eindruck, die Kontrolle über die Diskussion übernommen, die, wie hier korrekt festgestellt wird, eigentlich bei der Stadt liegen sollte.
    Haben die Medien, die Wissenschaft oder die anderen Institutionen alles richtig gemacht? Sicher nicht und so ist die hier geäußerte Kritik durchaus berechtigt. Es ist zu hoffen, dass alle (!) Beteiligten hieraus für zukünftig sicher anstehende, erinnerungspolitische Diskussionen ihre Lehren ziehen.
    Plaum hatte schon auf die selektive Literatur- und Quellenauswahl hingewiesen. Man kann möglicherweise nachvollziehen, dass ein Bericht eines politischen Arbeitskreises keine wissenschaftliche Abschlussarbeit ist. Allerdings wirkt es auf mich befremdlich, wenn einschlägige Literatur nicht erwähnt wird, die explizite Hinweise zum Untersuchungsgegenstand des Arbeitskreises enthält. Gerhard Scholl veröffentlichte 1954 die Miszelle „Die Straßennamen der Stadt Siegen“ (Siegerland, S. 7 – 28). Das Straßenverzeichnis, der Hauptbestandteil der Veröffentlichung, enthält einige interessante Aspekte:
    – Die Benennung der Albert-Richartz-Straße erfolgte nach dem Mitinhaber der Siegener Firma Betrams kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Firma Betrams hat Zwangsarbeiter:innen eingesetzt.
    – Die Haroldstraße trägt ihren Namen nach der Titelfigur Hermann Bellebaums „Harold der Zigeunerkönig“.
    – Die Martin-Luther-Straße ist eine Umbenennung aus dem Jahr 1935; sie hieß vorher Obere Häuslingstraße.
    – Die Saarbrücker Str. am Wellersberg soll 1935/36 an die Rückgliederung des Saarlandes in des nationalsozialistische Deutsche Reich erinnern.
    Ich bin mir sicher, dass diese Hinweise im Arbeitskreis diskutiert und bewertet worden sind. Aber warum finden sie sich nicht im Abschlussbericht wieder?

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